Bergebyløpet 150

 

Es ist soweit. Nachdem ich seit 1.5 Jahren darauf warte, dass meine Hunde endlich alt genug sind, steht unser erstes gemeinsames Rennen vor der Tür. Nach langem Hin und Her habe ich mich dazu entschieden, nur die kürzeste Distanz von 150km zu melden. Einer meiner besten Freunde, Stefan, ist extra aus Mo i Rana angereist um ein Rennen mitzuerleben und mich zu unterstützen. In der Theorie jedenfalls. Wenn nicht am Reisetag alles schief gelaufen wäre... Nach langem Bangen und Daumen drücken kam er dann aber doch noch mit einigen Stunden Verspätung in Kirkenes an. Schon blöd wenn grade das erste Flugzeug ausfallen muss. Nach einer viel kürzeren Nacht als geplant stehen wir tags darauf zeitig auf und bereiten uns auf das Rennen vor. Hunde füttern, Sachen zusammensuchen, Schlitten auf den Hänger, Auto packen, Essen vorbereiten, Tee kochen... Fast pünktlich kommen wir los. Erste Station: Mein Nachbar. 2 seiner Hunde sollen mit uns mitfahren um dann das Team eines befreundeten Mushers zu verstärken. Als alle Hunde ihre Plätze in Hänger und Auto eingenommen haben geht es also nun richtig los. Die Pinscher waren bei einem Freund untergebracht. Viel zu wenig Platz, keine Zeit und viel zu kalt für Blue und Devil. Dann doch lieber im Warmen liegen auf der Fußbodenbheizung.

 

Nach ca 3 Stunden Fahrt erreichen wir Nyborgmoen (wenige Kilometer entfernt von Varangerbotn). Das alte Kasernengelände wimmelt nur so von Hunden, Schlitten, Hundeanhängern und Mushern. Nyborgmoen ist nicht nur der Startpunkt für meine Rennklasse, gleichzeitig ist es Checkpoint für die mehr oder weniger gleichzeitig ankommende 650 und 350 Klasse. Zuerst lassen wir alle Hunde kurz aus dem Hänger. Jeder bekommt noch ein kleines Stück Fleisch. Stefan und ich packen schon mal den Schlitten, da wir noch ein bißchen Zeit haben bis zu Anmeldung und Rennvorbesprechung. Nachdem fast alle gefressen haben und der ein oder andere Haufen unseren Parkplatz eindeutig markiert, müssen die Hunde wieder zurück in den Hänger. Die 2 Hunde für die Konkurrenz wurden zwischenzeitlich auch abgeholt.

 

Es folgt die Anmeldung und die Rennvorbesprechung. Insgesamt sind es 6 Teilnehmer. Von Neuling bis altem Hasen ist alles vertreten. Zwischen 20 und 21 Uhr ist der Start. Jeder kann starten sobald er fertig ist. Sehr entspannte Art und Weise. Bis dahin dauert es allerdings noch 2 Stündchen. Wir warten... und warten... erzählen mit einer anderen Musherin aus Deutschland und als wir eigentlich grade losgehen wollten um die Hunde anzuspannen stellt ein Mann einen voll bepackten Teller mit Essen vor uns hin. Der wäre übrig geblieben... Na sowas... also wird erst gegessen und wir starten eben ein bißchen später.

 

Die Hunde haben den Braten derweil natürlich gerochen. Die Anspannung vor einem Rennen ist eine völlig andere als vor einer normalen Trainingstour. Zwar immer noch verhältnismäßig ruhig und zivilisiert, aber eben doch unter Hochspannung. Brav lassen sich alle unterm Nordlicht ihre Socken anziehen.

Kaum ist die letzte Socke am Hund geht es auch schon los. Kein 'Tschüß' oder 'Viel Glück' findet mehr den Weg in meine Ohren. Der Tunnelblick ist starr auf die Hunde, den Schlitten und die Spur gerichtet. Loke wirft noch schnell eine angemessene Portion Ballast ab und um 20.20 ziehe ich die Reißleine. Los geht die wilde Fahrt unterm Nordlicht in die Dunkelheit Richtung Masjok. Die erste Etappe hat 51km und es geht überwiegend bergab. Auf der Matte stehend fliegen wir durch die Nacht. Die Hunde sind kaum zu bremsen. Wir sind als 4. Gespann gestartet. Es dauert nicht lange, da taucht vor uns schon der erste Konkurrent auf. Oder war es ein Fahrer aus einer der anderen Klassen? Egal. Die Hunde sehen ein Gespann vor sich und haben nur noch ein Ziel - Vorbei!!! Wir überholen auf dieser Etappe sicher insgesamt 10 Gespanne. Die Hunde werden einfach nicht langsamer. Nachdem das erste Überholmanöver noch etwas zögerlich vonstatten ging, bekam das Team recht schnell eine gewisse Routine und irgendwann sind wir an anderen Gespannen einfach vorbeigeflogen. Ich freue mich riesig dass alle so viel Spaß haben und so wahnsinnig motiviert sind. Vor uns taucht irgendwann ein ordentlich steiler Berg auf. Mit allem was ich habe springe ich auf die Bremse und kralle mich am Schlitten fest. Bäume tauchen auf, irgendwie schaffe ich es diese zu umschlittern und nach kurzer wilder Abfahrt sind wir auf dem Tana-Fluß. Vorwärts... weiter... Rennen... Während ich ein gutes Stück hinter mir die Sirnlampen im Blick behalte erschrecke ich mich nach einer Weile ziemlich doll. Über mir eine Lightshow der Extraklasse. Solche Nordlichter habe ich bisher noch nicht gesehen. Ehrfurcht. Staunen. Einen Moment lang eine ganz starke Erinnerung an meine verstorbene Oma. Ich bitte sie, meinen Hunden Flügel zu verleihen. Dieses Gefühl, wenn man weiß, dass alles gut gehen wird. Dass es einfach nur noch gut laufen kann. Da verlassen wir auch schon den Hauptfluß und biegen auf einen stark mäandrierenden Nebenarm ab. Kurve, links, rechts, links, rechts... Shit, das war falsch... umdrehen, zurück auf die Spur, nächste Kurve. Die Spur führt nun einen kleinen Berg hinauf und plötzlich taucht vor uns ein Zelt auf und Menschen mit Warnwesten. Da ist ja auch Stefan, der sich als freiwilliger Helfer für den Checkpoint 'Masjok' gemeldet hat. Huch, schon da??? Verwunderte Gesichter. Wir wurden wohl etwas später erwartet. Nun ist erst mal eine fast 3-stündige Pause angesagt. Wir werden zu unserer Ruheposition gebracht und dort ziehen wir erst mal alle Socken aus und danach bekommt jeder ein Stück feines Pferdefleisch. Alle fressen. Erleichterung. Jeder bekommt nun noch ein Bettchen aus duftendem Heu und ein Mäntelchen um. Nach und nach legen sich die Hunde ab. Die Routiniers Falco, Loke und Rex, die schon viele Rennen gelaufen sind schlafen zuerst. Jenna schließt sich ihnen an sobald sie kuschlig warm in ihrem Mantel verpackt ist. Marabou und Haribo wissen noch nicht ganz genau was sie jetz machen sollen, liegen aber auch kurze Zeit später. Milka und Sade finden keine Ruhe. Kaum rührt sich ein anderer Hund, wird gebellt. Nach und nach kam nun auch die Konkurrenz in den Checkpoint eingefahren. Links und rechts neben uns parken fremde Gespanne. Milka und Sade finden das nicht gut. Wuff. Wenig hilfreich sind 2 Hunde meiner Konkurrenten, die während des gesamten Aufenthalts gebellt/geschrien/gejammert haben. Ein bißchen Zeit bleibt mir noch, mit meinem Equipment rumzuspielen. Isomatte raus, Schlafsack raus... die Schuhe passen nicht rein. Doof... Schlafsack wieder zusammenpacken, Windsack raus, Kristina rein... nach ner Weile wird es saukalt. Also aufstehen, Windsack einpacken zum Klo gehen und da ist auch schon Zeit die Hunde zu wecken. Mit Stefan darf ich leider gar nicht reden, es ist eben ein handlerfreier Checkpoint und die Bedingungen sollen für alle gleich sein. Schade.

Um kurz nach halb 2 sind wir bereit für die zweite Runde. Diese Etappe ist berüchtigt. Stichwort steile Anstiege. Oh ja... ein Berg war so steil, dass trotz ziehenden Hunden und schiebendem Musher der Schlitten kaum vorwärts kam. Wenigstens blieb uns das Schicksal eines Konkurrenten erspart, der samt Schlitten und Gespann ein Stück den Abhang hinunter gepurzelt ist. Realistisch betrachtet hatte ich einen deutlichen Leistungsabfall in der zweiten Etappe erwartet. Wer so schnell rennt hat sicher sein Pulver erst mal verschossen und läßt es dann ruhiger angehen. Ein Irrtum. Nicht mal diese steilen Berge konnten die Motivation killen. Rennen, fliegen, Kurve, Berg hoch, Berg runter. Und mirnichts dirnichts waren wir raus aus dem Wald und oben auf einem Hochplateau. Sekundenschlaf, eisige Kälte, Nüsse die in Kristina verschwinden. Team Duracell kümmert sich nicht drum was hinten auf dem Schlitten passiert. Team Duracell läuft und läuft und läuft. Was war das??? Hundegebell??? Wo kommt das denn her? Wieder Wald, runter vom Plateau. Es wird steil... BREMSE... das war knapp. Wo kommen denn alle diese Bäume plötzlich her??? Dann ein Schild... 180°-Kurveeeeeeeeeeeeeee... oi... geschafft. Schlitten steht noch auf den Kufen, Musher noch auf dem Schlitten. Musher jetzt hellwach. Wir fliegen also diesen Berg hinunter direkt in den Checkpoint hinein. Es ist der selbe CP wie zuvor. Wieder staunen. Wo kommt die denn schon her??? Hat die abgekürzt??? Ich bin ne ganze Weile allein in unserem Ruhebereich. Die Hunde lassen sich sofort ins Heu plumpsen. Es gibt für jeden ein Stück Pansen. Lecker! Alle fressen mit Begeisterung. Alle sind froh über die warmen Decken und alle legen sich umgehend nach dem Fressen zum Schlafen ab. Auch Milka und Sade. Milka ist bisher die größte Überraschung. Ist sie doch im Training sehr unbeständig und öfter mal faul, hat sie die letzten 2 Etappen volle Power gezogen wie ein Ochse. Die kleine Milka...

3 Stunden habe ich nun Pause. Während Team Duracell die Batterien auflädt begebe ich mich zum Musher-Zelt und fülle mich mit Tee ab während ich versuche, wieder warm zu werden.

 

Die Pause zieht sich ganz schön in die Länge. Ich weiß kaum noch wie ich mich wach halten soll. Aber schlafen lohnt sich nicht mehr. Endlich ist es Zeit zum Aufbruch. Es dämmert bereits. Ein Segen. Letzter Gang zum Plumpsklo und dann Hunde wecken. Loke ist müde, hat ganz kleine Augen. Jenna würde auch lieber noch ein Stündchen schlafen. Mittlerweile sind auch alle meine Mitfahrer eingetroffen. Verwunderte Blicke als ich die Socken anziehe. Fährst du schon??? WTF... Loke und Jenna lassen sich zum weiterlaufen überreden. Da es mittlerweile schon recht hell ist, hatte Stefan endlich mal Gelegenheit, ein paar Fotos zu machen.

Parkpositionen im Checkpoint 'Masjok' für die 150er und 350er Klasse
Parkpositionen im Checkpoint 'Masjok' für die 150er und 350er Klasse

Alle Hunde sind das ganze Rennen hindurch an der Ursprungsposition gelaufen. Meine Leithunde Loke und Jenna haben einen grandiosen Job gemacht, also dürfen sie auch weiter Richtung Ziel vorne laufen. In zweiter Reihe laufen der 9-jährige Falco und die kleine Sade. Auch in der dritten Reihe ein Routinier (Rex) zusammen mit einem Junghund (Marabou). Die Wheelposition gehört Milka und Haribo.

Kaum sind wir aus dem Checkpoint raus um kurz vor 8 morgens befinden wir uns auch schon wieder auf dem Mäanderteil des Flusses. Alle haben sofort Spaß und sind weiterhin hochmotiviert. Als wir den breiten Hauptteil des Flusss erreichen, meldet sich eine weitere Portion Tee, die dringend raus muss. Nun ja, was wäre ein Rennen ohne während der Fahrt die Hosen runter zu lassen? :-)

Ich freue mich langsam aber sicher auf den steilen Anstieg, der nach dem Fluß kommt. Es ist so kalt. Die Temperaturen wechseln lokal sehr stark. Mal -10°, dann wieder -30°. Meine Nase tut weh. Dann endlich kann ich mich etwas warm laufen. Hoch hoch hoch. Besser, wieder wärmer. Die Sonne geht auf und es ist wunderschön in den Bergen. Märchenhaft. Friedlich. So hänge ich meinen Gedanken nach, bewundere die schöne Umgebung, halte irgendwann mal an, um den Hunden einen Snack zu geben, fahre wieder weiter. Plötzlich geht ein Ruck durch den Schlitten. Am Horizont vor uns taucht ein Schlitten auf. Da ich in meiner Klasse in Führung liege kann es nur ein Gespann der anderen beiden Klassen sein. Das ist uns aber egal. Wir wollen überholen, dafür sind die anderen doch wohl mitgefahren, oder nicht? Wir müssen das üben. Üben. Üben. Vorbei. Kurz drauf 2 weitere Schlitten weit voraus im Blickfeld. Bald nur noch voraus und schon vorbei. Eine Steigung. Ich erinnere mich an diese Kurve. Das Ziel kann nicht mehr weit sein. Die Hunde wissen das. Bald drauf hören wir Hundegebell in der Ferne. In gestrecktem Galopp nähern wir uns Nyborgmoen. Da sieht man auch schon die Kaserne. Wir fliegen förmlich über die Ziellinie und dann ist Schluß. Loke hält umgehend an, schmeißt sich in den Schnee und kühlt sich den Kopf. Auch Marabou läßt sich ganz nach alter Gewohnheit flach auf die Seite fallen. Alle gratulieren, alle freuen sich, was war denn das??? Ich kann kaum glauben was diese Hunde für eine Show abgeliefert haben. Ein perfektes Rennen für uns. Ich bin so unglaublich stolz auf meine 'Kleinen'.

Die Rennleitung
Die Rennleitung
Siegerehrung
Siegerehrung

Stefan hilft mir, das Team zum Auto zu bringen. Dort gibt es erst mal einen wohlverdienten Happen. Raus aus den Geschirren und ab in die kuschlig warmen Boxen im Hänger. Pause. Schlafen. Ausruhen. Wir drücken uns den Rest vom Tag irgendwo im Aufenthaltsraum rum, dösen immer mal ein, Essen was, trinken Tee, reden mit anderen, warten auf die Siegerehrung. Mit einem kleinen Preisgeld, das die Startgebühr und auch noch ein bißchen Diesel deckt fahren wir glücklich und sehr sehr müde der Heimat entgegen.

 

Was für ein Erlebnis. Ich wollte eigentlich nur Spaß auf dem Trail haben und meinen Hunden Rennerfahrung geben. Und dann sowas. Was für ein wunderbares Gespann!!!

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Kommentare: 2
  • #1

    Mamula (Donnerstag, 11 Februar 2016 21:37)

    Ich bin so unglaublich stolz auf dich! Es wird auch weniger schöne Erfahrungen bei anderen Rennen geben, aber der Augenblick zählt und der war jetzt und wunderschön für dich und deine Jungs! Weiter so! Hinterlass deine Spur in Norwegen, dass es nur so kracht!!

  • #2

    Stefan (Freitag, 12 Februar 2016 12:29)

    Es war ein grandioses Rennen und toll mitzuerleben! Glückwunsch nochmal Dir und dem Team. Das war erst der Anfang... :)