Pasviktrail

Pünktlich ein paar Tage vor dem Rennen wird es warm. Man kann dem Schnee beim schmelzen zugucken. Alles was an Schnee auf den gefrorenen Gewässern lag wechselt den Aggregatzustand von fest zu flüssig. Man hat also die Wahl: Wird es warm am Tag geht man schwimmen oder wird es kälter in der Nacht und man hat blankes Eis...

 

Bei der Vorbesprechung wird mitgeteilt, dass die erste Etappe gekürzt wird, da die Spur auf diesem Streckenabschnitt zu schlecht ist. Gut, somit hat das Rennen 250km. Wunderbar, das passt uns sehr gut. 

 

 

Nach der Vorbesprechung fahren Niels und ich heim und laden die letzten Sachen ins Auto, die Hunde in den Hänger und los geht's zum Start. Wir finden einen Startplatz... auf einer schlammigen Wiese. Schnee ist nur noch am Rand zu finden. Pfui was ein Dreck.

 

 

Nachdem die Mikrochips der Hunde und das Equipment im Schlitten kontrolliert worden sind spanne ich an. Es gibt keine festgelegte Startreihenfolge sondern ein Zeitfenster. Wir sind recht früh fertig und bereit zum losfahren. Ich sage einer Gruppe freiwilliger Jugendlicher Bescheid, die das Gespann vom Startplatz herunter auf den richtigen Weg leiten sollen. Mit 3 Helfern im Schlepptau komme ich zurück zum Schlitten, denke alles ist klar und ziehe die Reißleine. Die war natürlich ein bißchen verklemmt, so dass ich mit dem Rücken zum Team stehe. Mit einem plötzlichen Ruck löst sich der KNoten und das Gespann schießt los. Wo sind denn die Helfer, die die Hunde festhalten sollten??? WEG!!! Die Hunde schleifen mich also durch den Schlamm, ignorieren völlig, dass ich mit beiden Füßen auf der Bremse stehe und ihnen zurufe, dass sie anhalten sollen... Soweit so gut, es fängt ja gut an. Ein Hansel fängt die Leithunde glücklicherweise ein, dreht das Gespann um und ich werde auf den richtigen Weg gebracht. Dabei fahre ich diverse Helfer an, die die Lage völlig falsch eingeschätzt haben - ich konnte weder bremsen noch den Schlitten manovrieren. Nach diesem Erlebnis waren die Sinne der Helferlein hoffentlich etwas geschärfter.

 

Um kurz nach 18 Uhr sind wir am Startpunkt, glücklicherweise hat sich noch keine Warteschlange an weiteren Mushern gebildet und wir können direkt los.

 

Jenna, Loke, Marabou, Falco, Milka, Rex, Tracy, Haribo
Jenna, Loke, Marabou, Falco, Milka, Rex, Tracy, Haribo

Die ersten 15 km fahren wir ohne Socken. Ich hatte mit ordentlich Overflow gerechnet und es gab ein paar größere Gewässer zu überqueren direkt am Anfang. Nachdem es praktisch keinen Overflow gab, sondern lediglich viel Eis, haben wir angehalten und alle Hunde haben Socken an bekommen. Durch das viele Eis war der Trail rasiermesserscharf. Milka hatte sich leider ein Stück von einem kleinen Ballen abgeschnitten, lief aber ohne Anzeichen von Schmerz oder Unwohlsein weiter. Die anderen Hunde hatten keine Verletzungen. Während ich stand um die Socken an den Hund zu bringen sind einige Teams an uns vorbei gefahren. Plötzlich waren wir mitten drin im Pulk. Ein einziges Überholen und Überholt werden. Sehr gute Übung für die jungen Hunde. Nachdem Milka, die ja gerne mal andere Hunde beim Überholt werden anpöbelt, zurück angepöbelt wurde war sie dann auch etwas kleinlauter.

 

Eine vor uns fahrende Musherin hatte nach einer Verwicklung in ihrem Gespann einen ihrer Hunde verloren. Der rannte fröhlich einem anderen Gespann hinterher. Während sie versuchte ihren Hund einzufangen, habe ich das zugehörige Halsband gefunden. Kurze Zeit später hatte sie den Hund wieder und ich habe ihr geholfen, ihr Gespann wieder herzurichten. Nach der kleinen Unterbrechung, die meine Hunde sehr gern zum Schnee fressen genutzt haben, geht die Reise weiter Richtung Vaggetem.

An der Strassenüberquerung bei Skjellbekken bekomme ich einen kleinen Vorgeschmack, wie der Rest des Rennens werden wird. Loke hat nämlich alles andere als viel Lust und entwickelt die ein oder andere merkwürdige Idee. Statt durch die Gasse aus Helfern und Zuschauern zu laufen, die auf der Strasse stehen biegt der Herr einfach mal links ab und will der Strasse folgen anstatt der Spur. Wie gut, dass die Helfer dort positioniert sind und die Leithunde wieder zurück auf den Richtigen Weg bringen. Nun nähern wir uns dem letzten Teilstück der ersten Etappe. Ein kleines Moor bringt uns auf den Pasvikfluss. Hinter mir stellenweise 9 Kopflampen in der Dunkelheit, vor mir auch noch ein paar Gespanne. Krasses Gefühl Teil dieses Pulks zu sein. Das kleine Volcanos-Gespann mittendrin statt nur dabei.

Auf dem Fluss wird es dann anstrengend. Ich stehe auf der Bremse und bemühe mich das Tempo zu drosseln um zu vieles Ausrutschen zu vermeiden und somit das Verletzungsrisiko möglichst klein zu halten. Die Hunde sehen das anders, auf Eis rutscht doch alles viel besser und es ist so herrlich leicht den Schlitten zu ziehen.

 

Mit vibrierenden Beinen fahren wir endlich in den Checkpoint in Vaggetem ein und ich kann endlich von der Bremse runter. Schnell die Socken aus und Bestandsaufnahme machen vor allem von Milkas Füßen... Oh je... bißchen schlimmer als erwartet. Arme Maus. Da hat sie so hart gearbeitet und dann wird man für soviel Einsatz mit wunden Füßen bestraft. Alle Hunde freuen sich über das Stroh und legen sich recht schnell hin. Während das Wasser fürs Futter warm wird kommt einer der Tierärzte vorbei. Alle Hunde sind in guter Verfassung, keiner hat zu hohen Puls oder sonstige Auffälligkeiten. Ich setze den Arzt auf Milkas Füße an. Nach sehr sorgfältiger Untersuchung verbleiben wir so, dass sie vorläufig weiter läuft und wir uns das ganze im nächsten CP nochmal ansehen. Also Zinksalbe drauf, Futter verteilen und Hunde schlafen lassen.

 

Für mich gibt es nun auch ein kleines Abendessen und anschließend versuchen Niels und ich ein bißchen zu schlafen im Auto. Das klappt natürlich so gut wie gar nicht. Ich döse zwar ab und zu mal ein, aber erst ist es kalt, dann muss ich aufs Klo, dann wird es wieder kalt... Und dann klingelt auch schon der Wecker. Wir haben relativ kurz pausiert. Die meisten Hunde haben wenig bis gar nichts gefressen, so dass kaum einer richtig vollgefressen war. 4 Stunden Pause sollten also reichen. Da es in der Nacht deutlich kälter ist als tagsüber ist es für die Hunde leichter nachts zu laufen. Der Plan sieht also vor, die Nacht so gut es geht zu nutzen und in Neiden anzukommen bevor es zu warm wird.

 

Kurze Zeit später sind alle Hunde mit Socken versehen und startklar. Das erste Teilstück führt in südlicher Richtung auf dem Fluß entlang, über einen Forstweg im großen Bogen wieder zurück zum Fluß. Durch den recht großen Temperaturunterschied zwischen dem Tag gestern und der kalten Nacht heute steht das Eis unter Spannung. Es knackt überall um uns herum. Mein Puls würde wohl aktuell bei einer Kontrolle als bedenklich eingestuft werden. Nur zur Info am Rande: Ich hasse Wasser... und ich fahre nicht gern auf zugefrorenen Gewässern. Als wir endlich das Ufer erreichen bin ich mehr als erleichtert. Jetzt fahren wir ein Stück durchs Moor und dann geht's hoch in die Berge immer antlang der finnisch-norwegischen Grenze. Bevor wir die Berge erreichen tritt Rex leider in ein Loch und humpelt. Ich lasse ihn noch ne Weile weiter laufen in der Hoffnung, dass er sich nur vertreten hat und er sich bald wieder einläuft. Leider gibt sich die Humpelei nicht mehr und ich muss ihn vor dem anstrengendsten Teilstück in den Schlitten setzen. Mit ihm fliegt auch meine Jacke in den Schlitten, nu wird es gleich von ganz alleine warm. Pünktlich mit der aufgehenden Sonne kommen wir am Grenzzaun an und werden mit einer wunderschönen Aussicht über das südliche Pasviktal belohnt. Aber natürlich bleibt wenig Zeit um dsich an der Aussicht zu erfreuen. Viele Anstiege stehen uns bevor.

 

Es ist sehr anstrengend, ich schiebe und laufe so oft es geht. Aber es will kein Ende nehmen. Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt sogleich der nächste Berg daher... Loke will des öfteren anderen Spuren folgen als der die markiert ist. Über den Schlitten habe ich kaum Kontrolle, an jeder kleinen Schräge rutscht er mir zur Seite weg und in die Spur des Scooters hinein, der beim Loipe präparieren ständig in den Tiefschnee am Rand eingesunken ist. Wir kommen einfach nicht in eine flüssige Vorwärtsbewegung. Rex im Schlitten ist auch wenig hilfreich, versucht er doch gelegentlich aus dem Schlitten rauszuhüpfen. Nach einer gefühlten Ewigkeit lassen wir endlich die Berge hinter uns und quälen uns über das letzte Moor vor dem Checkpoint Neiden. Ich bin ziemlich demoralisiert und wenig begeistert über den Verlauf dieser Etappe. Es kratzt doch immer an dem Musher seiner Ehre, wenn der Schlitten partout nicht unter Kontrolle zu bringen ist. Zusätzlich anstrengend ist es auch noch, den Schlitten unzählige Male aus den Löchern wieder rauf auf die Spur zu zerren.

 

 

Wir laufen also im Checkpoint und ziemlich angenervt versuche ich die beiden Anker mit Hilfe meines Messers ins Eis einzugraben. Das Ruheverhalten der Hunde beeindruckt mich jedes Mal wieder aufs Neue. Sie nutzen jede Möglichkeit zum Schlafen.

 

Jenna
Jenna
Falco und Milka
Falco und Milka
Haribo und Tracy
Haribo und Tracy
Haribo
Haribo
Marabou und Rex
Marabou und Rex

 

Der Vet-Check ist wieder recht positiv. Puls ist niedrig, kleinere Abschürfungen dort wo die Socken über der Daumenkralle sitzen. Milkas Füße haben sich nicht verschlechtert, sie bleibt also drin. Rex muss allerdings das Team verlassen. Er hat sich den Schulter-Nacken-Bereich so verletzt dass er auch nach der Pause im Schlitten Schmerzen beim Laufen hat.

 

 

Nachdem alle getrunken und gefressen haben lasse ich die Hunde schlafen. Rex begleitet mich zum Anhänger, wo die beiden Maskottchen die Lage voll im Griff haben.

 

 

Für mich heißt es jetzt erst mal raus aus den dicken Stiefeln und der dicken Hose und frühstücken. Es gibt Couscous mit Kichererbsen und Spinat. Bäh... was ein Frühstück. Das Ganze dann doch lieber mit nem Schokomuffin runterspülen. Mit dem Schlafen klappt es wieder nicht, aber faul in der Sonne dösen geht wunderbar, während Niels Wasser für einen Tee kocht.

 

 

Die Pause zieht sich wie Kaugummi. 8 Stunden Restpause plus fast eine Stunde Laufzeitkorrektur... Aber der Plan hat bisher ganz gut funktioniert. Mein Gespann schläft in der Sonne anstatt zu laufen.

Als sich die Pause ihrem Ende zuneigt sehen wir von unserem Parkplatz, dass ein paar der Hunde schon wach sind. Da wir sie nun nicht mehr beim Schlafen stören gehen wir ein bißchen früher als geplant zu ihnen. Ein bißchen extra Kuscheln schadet sicher keinem.

 

 

Nachdem die Kuschelrunde beendet ist räume ich den Schlitten wieder ein, massiere Zinksalbe in wunde Füße ein und schlußendlich müssen die doofen Socken weder angezogen werden. Keiner ist begeistert. Während Loke angezogen wird meditiert Jenna noch ne Runde. Bleibt die Frage offen, ob sie zu ihrem inneren Gee oder dem inneren Haw gefunden hat...

 

 

Auf auf zur letzten Etappe. Landschaftliche die wohl schönste. Aber alle sind müde und bald wird es dunkel. Allzuviel wird man wohl nicht mehr sehen können. Hoffentlich einen schönen Sonnenuntergang oder ein paar Nordlichter.

 

 

Der Sonnenuntergang war tatsächlich fantastisch. Und das Nordlicht später auch. Die Hunde laufen schön, die Spur ist vergleichsweise gut zu fahren. Wir fahren och aufs Fjell und nach einer langen Weile denke ich mir, dass es nun doch irgendwann mal recht steil bergrunter gehen muss, um auf den Sandnesdalsee zu kommen. Keine Abfahrt in Sicht. Komisch. Doch da, plötzlich geht es abwärts. Wir schießen den Berg runter. Bremsen ist wenig effektiv, da sich selbst die Metallbremse kaum ins Eis eingraben kann. Also bleibt nur Festhalten und runter. Plötzlich verschwinden die Leithunde, dann die zweite Reihe, dann die dritte Reihe, die Wheeler... und dann kommen ca 50m freier Fall. Es gilt einen fast senkrechten Hang hinab zu fahren. Irgendwie festhalten, irgendwie am Schlitten dran bleiben. Nicht loslassen egal was da kommen mag. Und schon sind wir unten. Das war ja was... spätestens jetzt bin ich auch wieder richtig wach. Der Schlitten kommt aufrecht unten an, ich stehe auch noch da wo ich hingehöre. Nun folgen wir einem langen schmalen See. Und das Eis knackt und knackt. Ich wünsche mir sehnlichst einen Konkurrenten herbei, einfach nur um zu wissen, es ist jemand in der Nähe. Aber das einzige was ich sehe sind 2 winzig kleine Kopflampen sehr weit vor mir. Loke macht es spannend. Er will lieber irgendwelchen Scooterspuren folgen anstatt auf der Hundespur zu laufen. Während ich Loke und Jenna wieder auf die richtige Spur bringe gluckert es um mich herum und es knackt fröhlich weiter. Bloß weiter. Schöne Theorien mit arbeitendem Eis aufgrund von Temperaturunterschieden... es fühlt sich einfach falsch an wenn der Untergrund knackt und gluckert. Bloß weiter und zwar schnell. Irgendwann ist es dann endlich geschafft. Ein kleiner steiler Anstieg und schon sind wir auf dem Moor, was uns Richtung Ziel bringen wird.

 

Dort wird es dann wieder schwierig mit dem Fahren. Die Spur ist leicht schräg und wir hängen des öfteren in den Bäumen die neben der Spur stehen. Jetzt wäre ich dringend auf die Mithilfe meiner Leithunde angewiesen, doch Loke sieht das anders. Er will nicht mehr. Er setzt sich hin und hat fertig. Oh man... noch 25km bis zum Ziel. Interessiert ihn aber nicht. Also spanne ich ihn fix weiter nach hinten und bringe Milka nach vorne. Und dann ging der Endspurt los. Milka und Jenna sind gerannt was die Beine hergaben. Plötzlich kamen die beiden Kopflampen vom See immer näher. Na??? Schaffen wir das noch??? Wir haben jedenfalls ein Ziel. Wir sind im Jagdmodus. Nach ein paar Kilometern überholen wir die beiden Gespanne. Tatsächlich ein Gespann aus der 8-Hunde-Klasse. Yes, einen Platz gut gemacht. Nun feuere ich die Hunde an was das Zeug hält. Nach einem Überholvorgang passiert es nämlich gerne mal, dass die Motivation schnell zu laufen verschwindet. Aber sie lassen sich anfeuern, sie rennen. Wir sind mittlerweile auf unseren Traininngsstrecken angekommen. Die Hunde hatten wohl die vage Hoffnung, es würde auf direktem Wege heimwärts gehen. Ohne Probleme folgen sie der Spur und versuchen erst gar nicht, den gewohnten Weg nach Hause abzubiegen. Gute Mädels. Weiter geht die wilde Fahrt. Schon sind wir auf der Stromlinie, über die Strasse und auf dem Fluß. Einmal um die Kurve und das Ziel ist in Sicht. Die Hunde wissen das auch. Ich pfeife ihnen nochmal und im gestreckten Galopp fliegen wir über die Ziellinie. Was für ein Spaß auf die letzten Meter.

Platz 6 bei insgesamt 18 Startern in meiner Klasse kann sich ja durchaus sehen lassen. :-)

 

 

Ein letzter Vet-Check, eine letzte Kontrolle des Equipments im Schlitten und dann ist es vorbei. Jeder bekommt ein großes Stück Fleisch und danach ab in den Hänger. Nach 10 minütiger Fahrt sind wir daheim und erschöpft beziehen die Hunde ihre Hütten. Abendessen, Pfotenpflege und nix wie rein ins Haus. Raus aus den dicken Schuhen, rein ins Bett.

 

 

Die Aktivitäten des nächsten Tages beschränken sich hauptsächlich auf das Sofa und auf die Sonnenterrassen der einzelnen Hundehütten. Hunde füttern, Füße versorgen, bekuscheln, eigene Füße hochlegen... das war ein hartes Stück Arbeit und wir haben uns ein bißchen faul sein verdient!!!

 

Marabou auf der Sonnenterrasse
Marabou auf der Sonnenterrasse

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Mamula (Montag, 04 April 2016 20:33)

    Eine Deutsche unter Skandinaviern belegt Platz 6 von 18 Teilnehmern! Gut gemacht, Kristina! Die Daunenhandschuhe hast du dir redlich verdient! Herzlichen Glückwunsch!